Warum ich nicht ins Spital wollte bei meiner Fehlgeburt.

Drei Jahre später brachte ich unsere zweite Tochter in einer bewusst gewählten, und sehr positiv erlebten Alleingeburt-Erfahrung zur Welt. Darum lag der Entschluss nahe, dass ich nun diese neue Aufgabe wieder selbstbestimmt bewältigen wollte. Ich wollte unser Sternenkind möglichst natürlich, das heisst in einer kleinen Geburt, ohne medizinische Eingriffe gebären. Claudius, mein Partner stand hinter dieser Entscheidung. Da wir in einem Raum und mit Familienbett leben, bedeutete dies auch, dass meine Kinder(2 und 4 jährig) direkt erfahren würden was geschieht.

Wie es dazu kam: In mir, entstand mit den Blutungen, ein innerer Zeitdruck. Wie beruhige und entspanne ich mich möglichst schnell? Was tue ich jetzt, und wie kann ich mir Wissen aneignen zu meiner Situation? Leider hielten die Blutungen im Folgenden über Wochen an, und wurden stärker, auch waren zunehmend dunkle Gewebestücke dabei. Es zeichnete sich für uns damit immer klarer ab, dass wir vermutlich unser Kind verlieren, bzw. dass es schon tot ist und mein Körper im Abstoßungsprozess ist.

Dann, nach ca. zwei Wochen, sich ewig anfühlender Ungewissheit und geduldigem Abwarten, bekam ich abends leichte Wehenschmerzen. Ich ging nach draussen in die Natur, meine zwei Kinder waren bei mir. Ich hatte unterdessen starke Blutungen und mein Körper schwemmte größere Gewebestücke und Eihaut aus. Dann folgte ein kleines Wesen mit winziger Plazenta. Ich war trotz Trauer sehr dankbar, dass es komplikationslos ausgegangen war. Erleichterung machte sich breit, ich musste mich nicht länger schonen und viel liegen. Ich hatte lange die Hoffnung, dass unser Kind noch lebt. Diese war zwar zerschlagen, aber die Klarheit über die Situation half mir, mich zu entspannen. Ich konnte meinen Alltag mit der Familie wieder aufnehmen. So stand ich am nächsten Morgen auf, fütterte die Hunde, machte diverse andere Dinge. Auch lief ich mit meinen zwei Mädels an den Bach, wo wir einen Abschiedsort für unser Sternenkind gestalteten. Dabei übernahm ich mich wohl!

Aber auf das was da auf mich zu kam, war ich nicht vorbereitet!

Als Claudius später mit den Mädchen Brombeeren sammeln ging, und ich, draussen, zu den Hühnern unterwegs war, spürte ich plötzlich, dass da noch etwas nachkommt. Erstaunt stellte ich fest, dass ich keine Wehen spürte. Ich ging in die Eisbären Position, um die Geburt zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich bereits viel über mögliche Komplikationen bei einer kleinen Geburt. Aber auf das, was da auf mich zukam, war ich nicht vorbereitet! Ich zog mit meiner Hand an dem was da rauskam. Schock! Plötzlich realisierte ich von einem Moment den anderen, dass ich an meiner Gebärmutter zog.
Irgendwie kam ich in die Jurte und telefonierte, mit den Füssen in der Luft, mit meiner Hebamme. Sie beruhigte mich. Informierte mich, dass die Gebärmutter nicht einfach herausfallen kann. Dies war meine größte Angst. Auch erwähnte sie, dass ich später mit Rückbildungsübungen aktiv das Zurückbilden meiner Gebärmutter unterstützen kann.

Ich beschloss, nun auch zu meinem Heilpraktiker(TCM) zu gehen, um weitere Unterstützung zu erhalten. Durch die Akkupunktur konnte ich spüren, wie sich meine Gebärmutter hochzieht! Ich war sooo dankbar. Ich verließ ihn, mit dem folgenden Rat: Bei hohem Fieber oder grossem Blutverlust über längere Zeit, ins Spital zu gehen.

Was ich nicht gewollt und gewünscht hatte, ereignete sich zwei Tage später, wieder abends, innerhalb einer Stunde; 39,7 Grad Fieber. Ich bin jemand, die schon als Kind sehr schnell hohes Fieber entwickelt, wenn mir alles zuviel wird. Nach einem Telefonat mit dem Heilpraktiker wusste ich, dass ich noch bis am Morgen warten kann. Wenn das Fieber bis dahin gesunken sei, wäre alles Ok. In dieser Nacht, im Fieberdelirium, beschloss, ich aufzugeben und ins Spital zu gehen. Und ich beschloss, mich am Morgen von einer Ambulanz abholen zu lassen. Claudius machte mir Essigsocken und Kamillen-, Holunderblüten Tee, es sank um ein Grad! Claudius war sowieso in den letzten Wochen zwangsweise zum alleinigen Hausmann geworden. Irgendwann schliefen wir alle endlich ein. Und wirklich im Laufe des Morgens, sank mein Fieber unter 37 Grad. Und stieg dann zum Glück auch nicht mehr an.

Mir ging es zunehmend besser, und ich war frohen Mutes. Auch das fremde Feingefühl in meiner Vagina, durch den herausfallenden Uterus, war am verschwinden. Wir entschieden uns, einen Ausflug ans Meer zu wagen. Alle waren wir erleichtert, dass es mir besser ging.

Dann der nächste Schreck

Einige Tage später, zum Zeitpunkt meiner ersten Periode, stand ich morgens auf, kurz danach spürte ich, dass ich sehr stark zu bluten begann. Ich rannte schnell aus der Jurte, es wurde nicht besser…..also wieder rein ins Bett und Füße hoch……”Claudius, kannst du mal schauen, ich glaube das ist nicht gut….” Er sagt uiuiui das ist ziemlich viel Blut, das ist gar nicht gut! Ganze Familie in Panik, er trägt mich ins Auto – mit 120 km/h Richtung Notaufnahme auf portugiesischer Holperstrecke. Vor dem Eingang in die Ambulanz dann der totale Blutstopp.
Wir trafen die Entscheidung nochmals abzuwarten, da wir es als weitere Reinigung meiner Gebärmutter einschätzen. Nach einer Stunde fuhren wir nach Hause. Meine Angst vor medizinischen ”Übergriffen”, mein Wille: Nicht abzustillen und keine Trennung von meiner jüngeren Tochter, sowie ein inneres Vertrauen, dass mein Körper das alleine und natürlich schaffen kann, war bestimmend für diese Entscheidung.

Jeden Tag kam ich mehr zu Kräften, es dauert ca. drei Monate bis sich so ein großer Blutverlust wieder erneuert. Es kam noch die unerwartete Beerdigung, meiner Mutter dazu, für die ich in die Schweiz fliegen musste. In Zusammenhang damit wurde ich in einem portugiesischen Spital mehrere Stunden festgehalten. Das wieso und warum dazu würde jedoch diesen Blog an Umfang sprengen.

Meine Fragen, wegen des Warum, Weshalb und Wieso wurden immer stiller in mir, auch Scham und Selbstvorwürfe. Ich denke, jede Fehlgeburt steht in sehr vielschichtigen und komplexen Zusammenhängen. Auf jeden Fall setze ich mich bewusster mit dem Thema meines inneren Haltes, meiner inneren Geborgenheit auseinander. Ein bewusstes, neues, starkes JA zu mir, meinem Körper und zu meinem Leben wächst. Ich mache jetzt eine Körperausbildung – nach der Cantienica Methode. Diese Frau ist die Einzige ist, die ich entdecken konnte, die kompetent weiss, wie ein Prolaps (mediz. Gebärmuttervorfall) aus eigener Kraft und ohne künstliche Eingriffe zurückgebildet werden kann. Auch die Entscheidung, auf Weltreise mit der Familie zu gehen, fiel nach dieser tiefen Erfahrung. Beide Träume hätte ich ohne dies wohl noch auf eine lange Bank geschoben!

Insgesamt war es eine sehr heilende und selbstwertstärkende Erfahrung. Ich kann über mich hinauswachsen! Mein Körper kann mit schwierigen, belastenden Situationen umgehen und sucht immer den besten Weg zu heilen. Auch meine Seele fand so Zeit, ein solches Geschehen zu integrieren und zu verstehen. Ich spüre eine tiefe Dankbarkeit, um diese Erfahrung. Das spüre ich auch bei meinen Kindern und bei Claudius. In diesem langsamen und emotional intensiven Prozess, tauschten wir uns sehr oft aus, kamen uns sehr nahe, auch dem Thema Sterben und Tod. Ein großer Schritt im Annehmen und Akzeptieren von Grenzen und Möglichkeiten zugleich. Unser Baby, auf das wir uns drei Monate lang gefreut haben, hat sich wirklich von uns verabschiedet- und uns viel Wissen und Mut mit auf unseren weiteren Weg geschenkt.

Meine Schreckmomente mögen dich nicht abhalten, eine kleine Geburt zu wagen. Oft gibt es in unserer Gesellschaft leider wenig Spielraum für selbstbestimmte Erfahrungen in der Schwangerschaft, aus der gesellschaftlich tief verdrängten Angst vor dem Tod heraus. Aus meiner Sicht werden leider viel zu oft in Schnellschussentscheidungen getroffen und mittels Ein- und Übergriffen auf angstmachende Komplikationen in der Schwangerschaft reagiert.

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